Praxis für Psychotherapeutische Medizin und Psychosomatik, Schlafmedizin, Psychoonkologie, Psychotherapie, Flugmedizin und Reisemedizin

ADS/ADHS bei Kindern – ADS/ADHS bei Erwachsenen

Ein wichtiger Schwerpunkt der Praxis war über mehr als 25 Jahre die Diagnostik und Behandlung des Aufmerksamkeits-Defizit-Syndroms (ADS/ADHS).

Hier führten wir u.a. psychologisch-pädagogische Untersuchungen, Beratungen, Psychoedukation und alle derzeit wissenschaftlich akzeptierten (Evidenz basierten) Maßnahmen durch.

Oft wird in der Öffentlichkeit suggeriert, dass eine Behandlung des ADS/ADHS nicht erforderlich sei. Vielfach ist zu hören, diese Störung sei eine Modekrankheit. Dies ist schlicht falsch. Bereits vor über 150 Jahren erschienen die Berichte und Skizzen zum Struwwelpeter und Zappelphilipp.

Ggf. gibt es eine Zunahme der Diagnosehäufigkeit, vielleicht auch der Auftretenswahrscheinlichkeit von ADS/ADHS. Welche Ursachen dem zu Grunde liegen können, ist letztlich unklar und bleibt spekulativ. Sicherlich spielt das wachsende Gesundheitsbewusstsein vieler Menschen eine erhebliche Rolle, bei kindlichen Problemen auch an ADS/ADHS zu denken. Auch werden Lehrer heute intensiver geschult, bei „Lernstörungen” nach Ursachen zu suchen.

Vor allem aber trägt das sehr viel bessere Wissen der Ärzte dazu bei, dass heute Diagnosen früher und öfter gestellt werden. Ursächlich mag sein, dass sich die Alltags- und Lebenssituation vieler Kinder stark geändert hat. Ein klassisches Beispiel sind heute die Reizüberflutungen durch die Medien (Fernsehen, Werbung, Computerspiele), verbunden mit weniger Zeit und weniger Zuwendung. Hier sind Zusammenhänge mit der Zunahme der ADS-Problematik doch sehr wahrscheinlich.

Es ist aber auch eine Tatsache, dass wir weiterhin von einer Unterversorgung der ADS-Betroffenen ausgehen müssen. Nach wissenschaftlichen Daten (Verordnungsanalyse der Krankenkassen) erhalten nur 25 Prozent der ADS-Kinder Methylphenidat.

Aber Erklärungen zu haben oder Ursachen zu kennen, bedeutet noch lange keine Hilfe.

Eine Erklärung ersetzt weder Diagnostik noch Therapie!

Gerade Kinder und Jugendliche, deren weitere Entwicklung durch das Handicap ADS/ADHS oft nachhaltig gestört wird, benötigen eine professionelle Hilfestellung. Im Gegensatz zu Erkrankungen Erwachsener führt die psychische Störung der Kinder zu einer schweren und nachhaltigen Störung wesentlicher Entwicklungs- und Reifungsprozesse.

Abwarten mit einer Therapie ist daher ein vollkommen falscher Ansatz!

Vor allem auch deswegen, weil ADS/ADHS eine chronische Störung ist, die zumindest die Kinder- und Jugendzeit überdauert und bei einem erheblichen Teil der Betroffenen auch noch im Erwachsenenalter anhält.

Je länger abgewartet wird, umso größer wird die Kluft in der Entwicklung eines ADS-Betroffenen zu altersgleichen Nicht-Betroffenen. Diese Differenz ist oftmals nicht mehr auszugleichen!

Zu den typischen Fehlurteilen über ADS/ADHS gehört die Annahme einer alleinigen psychischen Verursachung. Seit langem aber zeigt die wissenschaftliche Medizin, dass überwiegend genetische oder andere biologische Faktoren (z.B. komplizierte Geburtsverläufe mit Hypoxie = Sauerstoffmangel) an der Entstehung beteiligt sind.

Kinder mit ADS/ADHS sind in ihrer Hirnentwicklung (Reife) im Durchschnitt 18 Monate verzögert.

Wir verfügen über mehr als 30 Jahre Erfahrung in der Diagnostik, Behandlung und Beratung aller mit ADS/ADHS verbundenen Probleme. In der Praxis haben wir eine große Testbibliothek, die uns die Differentialdiagnostik bis hin zur Persönlichkeitsdiagnostik und Schullaufbahnberatung erleichtert.

Falls erforderlich, wird eine medikamentöse Behandlung eingeleitet, hauptsächlich mit Methylphenidat (z.B. Medikinet, Ritalin), aber auch mit Antidepressiva (soweit bei dieser Störung wirksam) wie SSRIs, Venlafaxin oder (selten) Imipramin. Die neueren Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmstoffe wie Reboxetin oder Atomoxetin haben sich kaum bewährt, da sie erhebliche Nebenwirkungen aufweisen und dauerhaft eingenommen werden müssen.

Nicht zuletzt deswegen wurde die Verordnung von Reboxetin (z.B. Edronax) zu Lasten der GKV verboten. Zu Atomoxetin liegen einschlägige Warnungen vor.

Der grundlegende Unterschied zwischen den Stimulanzien und der Behandlung mit Antidepressiva liegt darin, dass die Stimulanzien sofort und akut wirksam sind. Sie können daher auch bei Bedarf, während der Lern- resp. Schulzeit eingesetzt werden und an Wochenenden abgesetzt werden. Dies bedeutet, dass Kinder nur zeitweise unter dem Einfluss eines Medikamentes stehen.

Antidepressiva dagegen müssen dauerhaft verabreicht werden, Therapiepausen sind hier nicht möglich. Hieraus resultiert ein erheblich höheres Risiko von Nebenwirkungen, da dauerhafte Blutkonzentrationen, ggf. über Jahre, aufgebaut werden.

Die vermeintlichen Nebenwirkungen auf das Herz-Kreislauf-System oder das behauptete Risiko, an einem Schlaganfall zu erkranken, wurde in einer sehr groß angelegten Studie untersucht (siehe W.O. Cooper et al.: ADHD Drugs and Serious Cardiovascular Events in Children and Young Adults. N.E.J.M. 362, 20 (2011) 1896-1904).

Hier konnte eindrucksvoll gezeigt werden, dass das vermeintlich erhöhte Risiko nicht existiert.

Gibt es Langzeiterfahrung mit der medikamentösen Behandlung? Ja!

Methylphenidat wird seit mehr als fünfzig Jahren zur Behandlung von ADS/ADHS eingesetzt!

Auch wenn Teile der Presse, wenige Neurobiologen oder selbst ernannte Philosophen, aber auch manche Ärzte immer wieder auf vermeintlich gefährliche Nebenwirkungen oder auf mangelnde Langzeiterfahrungen hinweisen, ist schlicht festzustellen:

Es gibt de facto keinerlei gravierende, schon gar keine gefährliche Nebenwirkung von Methylphenidat bei der Behandlung von Kindern und Jugendlichen. Insbesondere gibt es keine fundierten Hinweise auf bleibende Nebenwirkungen.

Es existiert keine wissenschaftliche Publikation, aus der sich ein solches Risiko ableiten lässt!

Kaum ein Medikament ist so gut untersucht, und selbstverständlich liegen sehr viele Langzeiterfahrungen vor. So gibt es Langzeitstudien über 14 und über 24 Monate an 597 resp. 103 Kindern, jeweils mit Placebo-Kontrolle. Methylphenidat selbst gibt es seit mehr als 70 (siebzig!) Jahren. Ist es damit nicht genügend bekannt?

Die medikamentöse Behandlung der Betroffenen ist die einzige effektive Behandlung. Mehr als neunzig Prozent der Betroffenen spricht gut auf diese Behandlung an, ohne (relevante) Nebenwirkungen zu haben.

Gibt es Alternativen?

Meist wird nach Psychotherapie oder anderen nicht-medikamentösen Verfahren gefragt. Die Wirksamkeit von Verhaltenstherapie oder Ergotherapie bei ADHS-Kindern ist nicht nur nicht belegt, die Wirksamkeit der Ergotherapie ist schlicht widerlegt.

Die intensive und kontinuierliche Beratung der Bezugspersonen im Sinne einer Psychoedukation ist aber dringend erforderlich und unterstützt den therapeutischen Erfolg erheblich.

Eine sehr gute aktuelle Übersicht findet sich im New England Journal of Medicine: M.A. Rappley: Attention Deficit-Hyperactivity Disorder. N.E.J.M. 352;2 (2005) 165-173, 2005.

Auch die Daten der MTA-Studie über 14 Monate hinweg zeigen, dass die alleinige wirksame Behandlung die Gabe von Methylphenidat darstellt.

Im Herbst 2012 wurde zur Wirksamkeit einer medikamentösen Behandlung bei ADHS eine interessante schwedische Studie publiziert. Hier die Zusammenfassung (wörtliches Zitat):

'Among patients with ADHD, rates of criminality were lower during periods when they were receiving ADHD medication. These findings raise the possibility that the use of medication reduces the risk of criminality among patients with ADHD.'

(Funded by the Swedish Research Council and others.)  N Engl J Med 2012;367:2006-14.

Die Kriminalitätsrate ging also bei den männlichen Patienten während der Behandlung um 32 Prozent zurück, bei den weiblichen um 41 Prozent. Die Studie umfasste mehr als 25.000 Patienten.

Und da gibt es noch immer notorische Zweifler?

Unser therapeutischer Ansatz entsprach schon immer dem einer multimodalen Therapie, wie sie auch von der Bundesärztekammer auf Empfehlung des Wissenschaftlichen Beirates beschlossen und publiziert wurde (siehe Deutsches Ärzteblatt 102 (2005) A3609-A3616). Dazu gehört neben einem psychoedukativen Ansatz fast obligat eine vernünftige Medikation.

Von zunehmender Bedeutung ist dabei die Behandlung des Erwachsenen-ADS, das bislang als eigenständige Erkrankung von den Krankenkassen nicht akzeptiert wird. Leider wurde durch ein unglaubliches Urteil des Bundessozialgerichtes (BSG) festgestellt, dass es aus der Sicht dieser Juristen kein ADS bei Erwachsenen gibt.

Was es aus deren Sicht nicht gibt, darf nicht zu Lasten der gesetzlichen Krankenversorgung bezahlt werden!

Sind wir in Deutschland soweit, dass Juristen und Bürokraten entscheiden, wer krank ist und was die kranken Menschen benötigen? Offensichtlich ja!

Auch in diesem Bereich haben wir eine langjährige Erfahrung, sowohl in der vergleichsweise komplizierten Diagnostik wie auch der Therapie. So haben wir spezielle Diagnoseverfahren, wodurch wir die Diagnose bei Erwachsenen relativ sicher stellen können. Diese Tests stellen aber sog. IGEL-Leistungen dar, die vom Patienten selbst zu bezahlen sind.