Praxis für Psychotherapeutische Medizin und Psychosomatik, Schlafmedizin, Psychoonkologie, Psychotherapie, Flugmedizin und Reisemedizin

Angst/Depressionen

Beide Krankheitsbilder sind die häufigsten psychischen Störungen überhaupt. Nach verlässlichen wissenschaftlichen Untersuchungen leiden rund 20 Prozent der Patienten einer Allgemeinpraxis unter diesen psychischen Problemen. Oftmals werden sie nicht erkannt oder zumindest nicht sachgerecht behandelt. Vielfach werden sie tabuisiert, da psychisch krank zu sein noch immer mit dem Gefühl eines Makels oder eines Versagens verbunden ist.

Diese Einschätzung ist falsch. Psychische Krankheiten sind nicht Ausdruck eines persönlichen Versagens oder einer Schwäche. Sie entstehen meist multifaktoriell auf der Basis einer organischen Neigung in Verbindung mit übermäßigen Belastungen und mangelhaft ausgeprägten Bewältigungsmöglichkeiten (mangelnde Resilienz).

Die moderne Medizin bietet eine Vielzahl sehr wirksamer therapeutischer Hilfen. Im Vordergrund steht dabei immer das ärztliche oder psychotherapeutische Gespräch, meist flankiert durch eine medikamentöse Behandlung.

Der Bereich der Psychopharmaka hat sich in den letzten zwanzig Jahren revolutionär verbessert. Medikamentöse Behandlungen gehören zur Kernkompetenz unserer Praxis. Dr. Dr. Ziegler war aufgrund seiner langjährigen wissenschaftlichen (u.a. Klinische Pharmakologie) und praktischen Erfahrung mehr als 14 Jahre im wissenschaftlichen Beirat der Fachzeitschrift PPT (PSYCHOPHARMAKOTHERAPIE), die von der Wiss. Verlagsgesellschaft herausgegeben wird.

Den allermeisten Patienten mit Depressionen oder Angsterkrankungen kann heute durch ein pragmatisches multidisziplinäres Therapieverfahren auch langfristig sehr gut geholfen werden. Diese Therapien bezeichnen wir auch als MUT-Programm, wobei zuerst der Mut aufgebracht werden muss, zum Arzt zu gehen und darüber zu sprechen. Gleichzeitig steht „MUT” für Medikament und Therapie!

Eine sehr gute aktuelle Übersicht zur evidenzbasierten Behandlung depressiver Erkrankungen findet sich im New England Journal of Medicine: Mann, J.J.: Drug Therapy: The Medical Management of Depression. N.E.J.M. 353; 17 (2005) 1819-1834.

Depressive Erkrankungen verlaufen oft rezidivierend: Nach einer Phase einer sog. major depressive disorder (MDD) liegt das Risiko, innerhalb der nächsten Jahre erneut daran zu erkranken, bei mindestens 20 bis 25 Prozent. Die Behandlung richtet sich nach dem Schweregrad, der Häufigkeit bisheriger Krankheitsphasen sowie nach dem individuellen Risikoprofil, das in den Therapiegesprächen gemeinsam erarbeitet wird. Bei schweren Verläufen ist die medikamentöse Behandlung mit Antidepressiva unabdingbar, bei leichteren Verläufen kann auch eine kognitive Verhaltenstherapie wirksam sein. Ggf. muss eine Phasenprophylaxe erfolgen, vor allem bei sog. bipolaren Verläufen (manisch-depressive Erkrankungen). Die beste Prophylaxe stellt ein Lithiumpräparat dar.

Rezidivierende depressive Erkrankungen (ohne manische Phasen) sollten gemäß der aktuellen Studienlage (solche Studien liegen z.B. für Escitalopram, Sertralin oder Venlafaxin vor) im Rahmen einer Dauerbehandlung mit einer wirksamen Dosierung derselben Antidepressiva behandelt werden. Die Therapiedauer erstreckt sich je nach Risikoprofil von minimal drei Jahren bis hin zu einer lebenslangen Therapie.

Ist eine depressive Erkrankung therapieresistent, d.h. auch nach mehrfachem Wechsel der Therapie keine Besserung zu erzielen, benötigt der Betroffene eine besonders abgestimmte sog. Augmentationsbehandlung. Hierauf sind wir spezialisiert.

Bei zugrunde liegenden Konflikten oder Stressbedingungen (z.B. wiederholte Hilflosigkeitserfahrungen, Mobbing-Erfahrungen, burn-out-Syndrom) ist eine problemzentrierte Psychotherapie, ergänzend zur antidepressiven Medikation, hilfreich.

Erschreckend ist in diesem Kontext die öfter geäußerte Auffassung einzelner Pharmakritiker, dass Antidepressiva vom Typ der SSRI oder der NSRI nicht wirksam seien, aber das Risiko für suizidale Handlungen erhöhen könnten. Diese Auffassung ist völlig unsinnig und weder durch Studien, noch durch die klinische Realität gestützt. Unzählige klinische Studien zeigen das Gegenteil, auch die psychiatrische epidemiologische Forschung zeigt, dass seit Einführung der SSRI (selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmstoffe) die Suizidquoten überall dort, wo diese Medikamente häufig verordnet werden, signifikant und klinisch bedeutsam rückläufig sind.

Dies konnte z.B. auch in der NORIS-Studie gezeigt werden (NORIS: Nuremberg Oversight and Review of Inpatient Suicidality).

Zuletzt hat sich im Psychotherapeutenjournal ein Diplom-Psychologe entsprechend geäußert (Padberg: Placebos, Drogen, Medikamente - Der schwierige Umgang mit Antidepressiva. Heft 17, Dezember 2018, 324 - 330). Schon die Nennung der DROGEN hat nichts mit einer sachgerechten Diskussion zu tun (Droge ist in der deutschen Sprache eine illegale Substanz, die nicht eindeutig deklariert ist und nicht legal gehandelt wird). Hier werden auf wenigen Seiten fundamentale und basale Fakten eliminiert (z.B. die Serotonin-Hypothese), trotz basaler Erkenntnisse (siehe z.B. die fundamentalen Arbeiten von Marie Asberg und Hermann van Praag).

 Hilfreich sind diese fehlerhaften Darstellungen nun nicht, u.a. weil sie Patienten verunsichern statt ihnen zu helfen. Zur Hilfe bei depressiven Erkrankungen gehört wesentlich ein Krankheitsmodell, das verstehbar sein muss. Wenn gemäß diesem Modell ein therapeutischer Fortschritt einsetzt (z.B. ein verbesserter Schlaf, weniger Angst), entsteht Vertrauen. Diese FAKE-News zerstören dagegen Vertrauen!

Kennzeichnend für die meisten der Kritiker ist, dass sie weder Ärzte noch Psychotherapeuten sind, sondern fachfremde Schreibtischjournalisten, mithin Personen, die nie klinische resp. menschliche Verantwortung tragen.

Dies gilt in ähnlicher Form für die Diskussion der Verwendung von Antidepressiva bei Kindern. Insgesamt liegen bei Kindern sehr viel weniger Studien vor. Meist wurden bei Studien an Kindern oder Jugendlichen zu geringe Dosierungen verwendet, so dass die Wirksamkeit der Antidepressiva gar nicht sichtbar wurde (beim Vergleich zum Placebo). Zu dieser Diskussion verweisen wir auch auf ein Editorial von Simon, G.E.: The antidepressant Quandary – Considering Suicide Risk when treating Adolescent Depression. N.E.J.M 355, 26 (2006) 2722-2723.

In einer aktuellen Studie (Walkup et al.: Cognitive Behavioral Therapy, Sertraline, or a Combination in Childhood Anxiety. N.E.J.M. 359, 26 (2008) 2753-2766), an insgesamt 488 Kindern und Jugendlichen (Alter 7 - 17 Jahre) konnte erneut gezeigt werden, dass Sertralin (ein SSRI) sehr effizient in der Angstbehandlung ist, wobei die besten Resultate in einer Kombination mit Verhaltenstherapie (kognitive Therapie plus Sertralin) erzielt werden konnten. Die alleinige Verhaltenstherapie war zwar besser wirksam als Placebo, aber weniger wirksam wie die alleinige Behandlung mit dem Antidepressivum (Dosierung bis 200mg/Tag). Besonders wichtig war die Erkenntnis, dass unter Sertralin keine Suizidimpulse oder Gewaltimpulse aufgetreten waren.

Dieses Ergebnis ist in allen Belangen deckungsgleich mit den Erfahrungen aus 35 Jahren Therapie bei Kindern und Jugendlichen, es steht im krassen Widerspruch zur Ideologie der Arzneikritiker.

Generell aber gilt (siehe Richtlinien GCP, good clinical practice), dass suizidale Patienten nie in Studien aufgenommen werden dürfen, womit Aussagen zur Suizidalität aus Studien per se praktisch unmöglich sind.

Die klinische Erfahrung aber zeigt, dass SSRI und SNRI (neben Lithium) die wirksamsten Medikamente bei Suizidalität darstellen.

Sie nicht zu rezeptieren, hieße letztlich, die Erkrankung und damit auch die Suizidalität nicht zu behandeln!

Sollen wir das?